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Kreispräsident Johannes Petersen hielt die
Festansprache am 5. September 2004 in Dortmund

50 Jahre Patenschaft Kreisgemeinschaft Johannisburg 1954-2004

Liebe Johannisburgerinnen und Johannisburger,
Sehr geehrter Herr Vorsitzender Reck,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Kreispräsident Johannes PetersenIch freue mich, nach 1994 anläßlich des 40jährigen Bestehens der Patenschaft des Kreises Schleswig-Flensburg über die Kreisgemeinschaft Johannisburg heute 10 Jahre danach auch zum 50jährigen Jubiläum unserer Verbindung wieder die Festansprache halten zu dürfen. Ich überbringe Ihnen die Grüße Ihres Patenkreises, der durch die Anwesenheit meiner Stellvertreterin, Frau Barbara Scheufler-Lembcke, und mir heute hier in Dortmund Zeugnis davon ablegt, daß er zu seinen Patenschaftsverpflichtungen steht.

Es hat sich sehr viel getan in den vergangenen 10 Jahren seit unserer letzten Jubiläumsfeier. Wir können eine Entwicklung feststellen, wie sie in den 40 Jahren zuvor nicht zu verzeichnen war.

Eine davon betrifft die Kreisgemeinschaft ganz unmittelbar. Nur sechs Monate, nachdem er seine langjährige Verantwortung für die Kreisgemeinschaft in jüngere Hände gelegt hatte, verstarb Gerhard Wippich am 25. Februar diesen Jahres. Er war einer derjenigen heimatvertriebenen Bürger, die sich ganz besonders um das Gemeinwohl verdient gemacht haben. Der Patenkreis Schleswig-Flensburg hat ihm viel zu verdanken. Die Kreisgemeinschaft Johannisburg zu leiten, wie das Gerhard Wippich jahrzehntelang engagiert, zielstrebig und mit großem Erfolg getan hat, heißt ein besonderes Ehrenamt auszufüllen. Es hält die Herausforderung bereit, neben dem Einsatz für die heimatvertriebenen Landsleute aus Masuren und neben der Pflege des heimatlichen Kulturgutes zugleich in Anerkennung der politischen Realität humanitäre Brücken zu der Bevölkerung zu bauen, die heute im Kreis Johannisburg in Polen leben.

Ich hätte gerne das 50jährige Jubiläum unserer Patenschaft heute hier in Dortmund mit ihm gefeiert, denn Gerhard Wippich hat sich in dem langjährigen und engen Kontakt mit dem Kreis Schleswig-Flensburg immer als kompetenter und fairer Gesprächspartner erwiesen. Es war angenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten, weil er wußte, was er wollte, und daran auch keinen Zweifel ließ.

Seit 1 Jahr sind Sie nun im Amt des Kreisvertreters, sehr geehrter Herr Reck. Wir haben Sie anläßlich Ihres Antrittsbesuches in Schleswig am 23. Oktober 2003, den Sie noch zusammen mit Herrn Wippich gemacht haben, zu Ihrer neuen Aufgabe beglückwünscht und Ihnen alles Gute mit auf den Weg gegeben. Ich möchte diese Glückwünsche heute noch einmal wiederholen und schließe Herrn Herbert Soyka, der den sehr verdienstvollen Gerhard Bosk als stellvertretender Kreisvertreter abgelöst hat, ausdrücklich in diese Wünsche mit ein. Ihnen beiden und dem gesamten neuen Vorstand der Kreisgemeinschaft möchte ich auch weiterhin die Unterstützung des Kreises Schleswig-Flensburg zusagen. Diese steht unter dem Zeichen der Partnerschaft und der Versöhnung und deshalb habe ich mit besonderer Freude zur Kenntnis genommen, daß Sie, Herr Reck, in Schleswig unsere gemeinsame Arbeit als ein Viereck beschrieben haben, dessen Eckpunkte der Kreis Schleswig-Flensburg, die Stadt und der Kreis Johannisburg, der Deutsche Verein „Rosch" nach polnischem Recht und die Kreisgemeinschaft Johannisburg nach deutschem Vereinsrecht sind. Ich bin sicher, daß wir auf dieser Basis eine gute Zukunft bauen können.

Wenn wir heute das 50jährige Bestehen unserer Partnerschaft begehen, dann ist ein Blick zurück unerläßlich, um die Bedeutung dieses Jubiläums wirklich zu erfassen. Erlauben Sie mir daher, ein paar Sätze zu wiederholen, die ich vor 10 Jahren hier in Dortmund gesagt habe, weil sie auch heute noch Gültigkeit haben.

Ursache für diese Partnerschaft war das in der deutschen Geschichte beispiellose schwere Schicksal von Millionen von Menschen, die gewaltsam gezwungen wurden, ihre angestammte und geliebte Heimat zu verlassen, in die sie nicht wieder zurückkehren durften. Unvorstellbare Not, Elend und Verzweiflung waren dabei die ständigen Begleiter dieser Menschen auf ihrem mühevollen, oftmals abenteuerlichen Weg, zum Teil zu Fuß, per Pferdewagen oder über See, um in den freien Teil Deutschlands zu kommen. Über zehn Millionen Menschen kamen in einen vom Krieg zerschlagenen und verarmten Teil Deutschlands, auch nach Schleswig-Holstein. Einheimische und Vertriebene gleichermaßen waren gefordert, das Problem der menschlichen Integration zu lösen, eine große sozialpolitische Aufgabe.

Wie wir wissen, wurde diese Aufgabe gemeinsam gelöst. Die Heimatvertriebenen haben nicht nur Hilfe bekommen, sondern schon wenige Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde die Vertriebenen-Charta verabschiedet. In ihr sind der Verzicht auf Rache und Vergeltung, der Wille zur tatkräftigen Mitwirkung am Aufbau Deutschlands, das Bekenntnis zur Schaffung eines vereinten Europas und die Forderung auf Anerkennung des Rechts auf Heimat enthalten. Die Vertriebenen waren bereit, ihren Beitrag zur Festigung unseres freiheitlichen und sozialen Rechtsstaates zu leisten.

Welche Gedanken lagen der Bildung einer Patenschaft zugrunde? Länder, Kreise, Städte und Gemeinden in der Bundesrepublik Deutschland haben nach dem totalen Zusammenbruch in großer Zahl Patenschaften für Kreise und Kommunen im deutschen Osten übernommen. Sie hatten damit eine kulturelle und auch soziale Aufgabe zu erfüllen, die darin lag, daß sie sich nach Kräften bemühten, ihren Patenkindern zumindest ihre geistige Heimat zu erhalten, den Vertriebenen zu helfen, ostdeutsches Kulturgut zu pflegen, Erinnerungen an die Heimat zu wecken, wachzuhalten und an die nachwachsende Generation weiterzugeben.

In diesem Sinne ging es darum, den Menschen, die ihre äußere Heimat verloren hatten, wieder ein Stück innere Heimat zu geben, ihnen zu heifen, ihre Identität zu bewahren, das was sie an Kultur ererbt und mitgebracht haben, zu erhalten, zu pflegen und weiterzuentwickeln, damit das Gefühl, nicht heimatlos zu sein, in ihnen fortlebt und sie sich geborgen fühlen können. Dabei kommt es nicht darauf an, durch die Pflege des eigenen Brauchtums neue Entwicklungen einzudämmen, sich gegen andere Sitten und Gebräuche abzuschotten, sich für sie unzugänglich zu machen. Die Heimatvertriebenen haben in den letzten über 50 Jahren bewiesen, daß sie gerade letzteres nicht tun.

Es ging und es geht aber eigentlich noch um mehr:
Aus der Bedeutung der Ostgebiete für die Entwicklung der deutschen und auch europäischen Geschichte folgt, daß die Vermittlung des Wissens, die Pflege und die weitere Entwicklung der in diesen Gebieten erbrachten kulturellen Leistungen dauernde Aufgaben der deutschen Kulturnation sind. Der Abbruch der Kulturtraditionen in den Vertreibungsgebieten machte es notwendig, das Wissen um die deutsche Geschichte und Kultur im Osten wie auch die Pflege der in diesen Gebieten über Jahrhunderte beheimatete Kultur in Deutschland lebendig zu erhalten. Durch Beschluß des Kreistages im Jahre 1953 bekundete unser Kreis seine Verbundenheit mit den Vertriebenen des Kreises Johannisburg, die feierliche Übergabe der Patenschaftsurkunde fand am 20.06.1954 in einem würdigen Rahmen auf dem Scheersberg in unserem Kreise statt - ich weiß, einige von Ihnen hier im Saal können sich an diesen historischen Tag noch sehr gut erinnern.

50 Jahre sind vergangen, seit der damalige Kreis Flensburg-Land (seit 1974 der neue Großkreis Schleswig-Flensburg) die Patenschaft übernommen hat. Diese Patenschaft hatte sich nicht nur aus vielen Parallelen ergeben - beide Kreise waren Grenzkreise und strukturell überwiegend landwirtschaftlich orientiert -, sondern als persönliche Komponente der Verbindung beider Kreise zueinander kam hinzu, daß der letzte amtierende Landrat des Kreises Johannisburg, Herr Ziemer, bis zum Zusammenbruch 1945 einige Zeit Landrat in Flensburg war.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
der Kreis Schleswig-Flensburg und die Kreisgemeinschaft Johannisburg haben in den vergangenen 50 Jahren gemeinsame lebendige Patenschaftsarbeit geleistet, die von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis geprägt war. Ich habe die Freude, diese Arbeit seit 30 Jahren zunächst mehr beobachtend, seit 14 Jahren aber aktiv zu begleiten. Sie hat sich ohne Zweifel gewandelt, und wir haben sie in manchen fruchtbaren Diskussionen auch vorangebracht, teilweise auf neue Füße gestellt und sie dann gemeinsam in das Viereck gestellt, von dem Willi Reck gesprochen hat. Ich finde, daß diese Patenschaft lebt, daß sie nicht nur ein Stück Papier geblieben ist, das im Laufe der Jahre vergilbt. Nein, diese Patenschaft hat Substanz und daran war mir stets gelegen und wird mir auch weiter gelegen sein.

Herr Thomsen betreut nach wie vor die Heimatortkartei, hilft beim Versand der Heimatbriefe und ist auch noch für die 1979 eingeweihte Johannisburger Heimat- und Informationsstube verantwortlich. Wir versäumen übrigens nicht, alle polnischen Gäste, die den Kreis besuchen, in die Heimatstube zu führen, was immer auf großes Interesse stößt. Leider zeichnet sich hier eine Veränderung ab, weil das Kreishaus in Flensburg verkauft werden soll, da es nur noch wenige Aufgaben erfüllt. Wir befinden uns gegenwärtig in einem Denkprozeß über die Verlegung der Heimatstube und werden gemeinsam mit den Verantwortlichen der Kreisgemeinschaft hoffentlich zu einem guten Ergebnis kommen.

Meine Damen und Herren, Sie wissen, daß wir 1998 eine offizielle Partnerschaft mit der Stadt Johannisburg und nach seiner Wiedergründung auch mit dem Kreis Johannisburg begründet haben. Diese Partnerschaften haben sich nie gegen die Kreisgemeinschaft gerichtet, sondern diese war von Anfang an eingebunden. Ich glaube sogar, daß es uns gelungen ist, gerade durch diese Partnerschaft für die Anliegen der Heimatvertriebenen und der Kreisgemeinschaft um Verständnis zu werben. Dies ist allein schon dadurch erreicht worden, daß wir die Partnerschaft mit der polnischen Seite von Anfang an auch als Kontinuität zur Patenschaft gesehen haben. Wir haben deshalb im Wortlaut der Partnerschaftsurkunde ausdrücklich an die Patenschaft über die Kreisgemeinschaft angeknüpft. Wir tun das bei vielen weiteren Gelegenheiten.

Inzwischen sind wir auch erfolgreich gewesen bei der Begründung weiterer Partnerschaften. Die Gemeinde Kropp ist eine Partnerschaft mit der Stadt und Gemeinde Arys eingegangen, und am 1. Mai wurde die Partnerschaft zwischen den Ämtern Oeversee und Eggebek mit der Stadt und Gemeinde Bialla in Bialla in einem sehr feierlichen Akt beurkundet.

Für Stadt und Gemeinde Rudczanny ist eine Partnerschaft mit den Amtern Langballig, Steinbergkirche und Sörup in Vorbereitung. Damit wären dann alle Gemeinden des Kreises Johannisburg partnerschaftlich mit Gemeinden bei uns verbunden.

Ich habe immer gesagt, und ich wiederhole es: Wer etwas Durchgreifendes für die deutschen Landsleute in der Heimat tun will, kann dies nicht gegen die Polen tun, sondern er muß es mit ihnen tun. Es war und ist schon erstaunlich, mit welcher Offenheit, Offenheit auch hinsichtlich der Geschichte der Vertreibung die polnische Verwaltung uns gegenüber aufgetreten ist und wie sehr sie nach Kräften bemüht ist, den deutschen Freundeskreis zu unterstützen und seine Anliegen zu fördern. Der Kreis ist bestrebt, diesen Weg konsequent weiterzugehen und die ostdeutsche Patenschaft auf diese Weise fortzuentwickeln. Wir wollen damit einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung leisten und mithelfen, die Gegensätze zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk abzubauen.

Viel Unrecht ist geschehen, im Zuge des II. Weltkrieges - Unrecht von Deutschen und Unrecht an Deutschen. Dies alles aufrechnen zu wollen, wäre ein verhängnisvoller Fehler. Man muß es erkennen und werten. Altbundespräsident Roman Herzog hat es wie folgt ausgedrückt: "Leben kann man nicht gegen Leben aufrechnen, Schmerz nicht gegen Schmerz, Todesangst nicht gegen Todesangst, Vertreibung nicht gegen Vertreibung, Grauen nicht gegen Grauen, Entwürdigung nicht gegen Entwürdigung. Menschliches Leid kann man nicht saldieren, es muß gemeinsam überwunden werden, durch Mitleid - durch Besinnung und durch Lernen für die Zukunft."

Wir können uns das Erbe unserer Geschichte nicht aussuchen, quasi das herausfiltern, was uns in unserer Geschichte gefällt, was unserer persönlichen Einstellung entspricht. Wir können das Erbe auch nicht ausschlagen, sondern müssen es so akzeptieren, wie es uns übertragen wurde.

Dazu gehören die hellen Seiten genauso wie die dunklen. Und zu den dunklen zähle ich nicht nur den Nationalsozialismus mit all seinen Facetten, sondern auch die Flucht und gewaltsame Vertreibung so vieler deutscher Menschen aus ihrer Heimat. Daß die Ursachen dafür in dem von Deutschland angezettelten Krieg zu suchen sind, das mag ja richtig sein und trotzdem bleibt es ein Unrecht, das man nicht gegen ein anderes aufrechnen kann. Vor allem kann es nicht so sein, daß nur ein Teil unseres Volkes die Folgen des Krieges allein zu tragen hat, das ist eine gemeinsame Aufgabe, die manche schon als erledigt ansehen, wenn es um die Folgen von Flucht und Vertreibung geht. Es ist natürlich leicht, dies alles dem Vergessen anheim zu geben und dem Ablagekorb anzuvertrauen. Doch so leicht können wir uns es nicht machen.

Ich bin wahrlich nicht mit allem einverstanden, was manche Funktionäre von Vertriebenenverbänden postulieren, doch hier helfen nur Diskussionen und der ernsthafte Versuch, eine gemeinsame Plattform für die Zukunft zu finden. Und dieser Weg in die Zukunft kann nur heißen, daß man aufeinander zugeht, daß man die Barrieren zwischen den Völkern abbaut, daß man die schwierige deutsch-polnische Geschichte nicht einfach über Bord wirft, sondern sie vorbehaltlos aufarbeitet und damit eine gute Grundlage für eine neue Entwicklung schafft, die auf gegenseitiges Vertrauen setzt und damit den nachfolgenden Generationen eine lange Periode des Friedens und der gegenseitigen kulturellen und wirtschaftlichen Befruchtung sichert. Und dazu tragen kommunale Partnerschaften bei.

Kommunen bilden die kleinste politische Einheit und sind deshalb den Menschen am nächsten. Sie sind daher auch am ehesten geeignet, die Menschen verschiedener Nationen zusammenzubringen, Kontakte herzustellen und damit zur Verständigung beizutragen. Es sind die menschlichen Beziehungen, die den Schlüssel zur Versöhnung zwischen den Völkern darstellen.

Nun keime ich den gelegentlich zu hörenden kritischen Einwand, kommunale Partnerschaften dienten hauptsächlich dazu, dem Polittourismus eine legitime Plattform zu schaffen. Dieser Einwand mag dann berechtigt sein, wenn es nicht gelingt, die Partnerschaft auf eine breite Basis zu stellen und möglichst viele Menschen daran zu beteiligen. Genau darum bemühen wir uns aber, und trotz Sprachbarriere — wie ich finde — mit Erfolg.

Es sind freundschaftliche Beziehungen entstanden zwischen Schulen, zwischen den Feuerwehren, aber auch zwischen Einzelpersonen. Die Jugendfeuerwehren laden große Gruppen der jeweils anderen Seite zu ihren jährlichen Sommerlagern ein, nach denen mir immer wieder von tränenreichen Abschieden berichtet wurde. Der DRK-Kreisverband hat Beziehungen dorthin aufgebaut und führt z.B. regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse in Schulen, bei der Polizei und bei der Feuerwehr in Johannisburg durch, die sehr gerne angenommen werden. Der Kreis und der Lions-Club Flensburg-Schiffbrücke unterstützen regelmäßig die von den Johannitern in Johannisburg betriebene Sozialstation, die ihre Hilfe für kranke Menschen unabhängig von der Nationalität durchführt. Und als besonders effektive Maßnahme möchte ich erwähnen, daß der Kreis seit 1995 ein Stipendium für jährlich zwei polnische Schüler anbietet, die bei Gastfamilien untergebracht sind und für 1 Jahr ein Gymnasium besuchen. Bessere Multiplikatoren für die Beseitigung der Unkenntnis, ja des Unverständnisses über das jeweils andere Land kann es kaum geben.

Es gibt auch Einzelprojekte, die wir unterstützend begleiten. So konnten wir durch unser Vorstelligwerden bei der deutsch-polnischen Stiftung die Finanzierung für den Neubau einer Schule mit angeschlossenem Schulheim in Johannisburg voranbringen. Wir haben dortigen Kommunalpolitikern und Beamten durch hiesige Fachleute das Fördersystem der Europäischen Union näherbringen können.

Ich habe für mich ganz persönlich festgestellt, daß diese Partnerschaftsarbeit ein großer Gewinn für alle daran beteiligten Aktiven, darüber hinaus aber auch für alle interessierten Menschen ist. Sie trägt dazu bei, daß der Annäherungsprozeß gewaltig beschleunigt wurde. Dabei wird von beiden Seiten begangenes Unrecht nicht mehr unter den Teppich gekehrt. Man kann und man darf offen aussprechen, was einen bewegt, was in der Vergangenheit passiert ist; die Wahrheit wird nicht mehr unterdrückt. Das ist ein großer Fortschritt und erweckt Hoffnung auf gegenseitiges Verständnis, auf gegenseitige Achtung und Toleranz. Nach Jahrhunderten der Entfremdung und des Gegeneinanders muß es zu einer Annäherung und zu einem Miteinander kommen. Ich glaube, daß kommunale Partnerschaften dazu einen bescheidenen, aber wirkungsvollen Beitrag leisten können.

Der heutige Tag der Heimat steht unter dem Motto: „Dialog führen — Europa gestalten". Sie bringen sich damit in einen Prozeß ein, der angesichts des kürzlich erfolgten Beitritts von 10 ost- und südeuropäischen Staaten, darunter Polen, in die Europäische Union hochaktuell ist. „Der 1. Mai 2004 ist ein besonderer Tag", so steht es in der Festschrift zum heutigen Tage. Und weiter heißt es dort: „Das östliche Mitteleuropa mit den ostdeutschen Heimatgebieten u. a. der Großteil Ostpreußens ist unter dem gemeinsamen Dach der Europäischen Union mit uns verbunden." (Ende des Zitats) Ich selber habe am Abend des 1. Mai vor der Marienburg gestanden und erlebt, wie Tausende von fröhlichen Menschen beiderseits der Nogat den Beitritt Polens zur EG begeistert gefeiert haben; wie mit einem großen Feuerwerk im Angesicht der imposanten Burg Europa begrüßt wurde. Das war ein sehr bewegender Moment, der mit großer Symbolkraft deutlich machte, wie sehr die Polen ihre Rückkehr in den Kreis der europäischen Völker herbeigesehnt haben. Begreifen wir diese Entwicklung als Chance, vor allem als Chance für eine gute gemeinsame Zukunft, die wir uns nicht durch rückwärtsgewandte Aktionen Einzelner zerstören lassen dürfen.

Die Idee „Europa" ist uralt und es hat in der Geschichte viele Versuche gegeben, sie zu verwirklichen. Leider sind die meisten gescheitert und wir sind noch nie so weit vorangekommen, wie in unseren Tagen. Seien wir dankbar dafür, denn die europäische Einigung ist der Garant für eine friedliche Zukunft. Seit die europäischen Völker sich zusammengetan haben, hat es keine Kriege mehr unter ihnen gegeben, und gerade die Kriegsgeneration weiß, was das bedeutet. Wer also bei Europa zuerst an Marktordnungen, an Bürokratie und an Vorschriften denkt, der denkt zu kurz. Diese Dinge sind alle nur Mittel zum Zweck. Europa ist keine Veranstaltung der Wirtschaft und auch keine Veranstaltung für die Wirtschaft, Europa ist zuallererst eine Friedensgemeinschaft!

Vergessen wir nicht die gemeinsamen geistigen Grundlagen, die diesen Kontinent geprägt haben von der griechischen Geistes- und Naturwissenschaft über das römische Recht bis hin zu unserer gemeinsamen Religion des Christentums. Erinnern wir uns an Karl den Großen, den von Deutschen und Franzosen gleichermaßen verehrten Kaiser des Frankenreiches, der es versuchte, diese gemeinsamen Wurzeln mit germanischen Lebensformen zu verschmelzen und das ganze Abendland zu einem fast ganz Europa umfassenden Reich zusammenfaßte.

Dieses Reich zerfiel, die Idee von einem einigen Europa aber blieb. Sie wurde insbesondere immer dann besonders lebendig, wenn Angriffe fremder Völker und Religionen das Zusammengehörigkeitsgefühl der europäischen Christenheit stärkte. Staatsrechtler und Philosophen haben sie immer wieder neu formuliert und nicht zuletzt der ostpreußische Philosoph Immanuel Kant war es, der einen Völkerbund forderte, in dem das Völkerrecht auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein sollte. Kann es uns übrigens bei allem Schmerz über den Verlust der Heimat nicht auch froh stimmen, daß heute russische Brautpaare an ihrem Hochzeitstag aus Verehrung für den Deutschen Kant an seinem Grab in Königsberg Blumensträuße ablegen?

Ich finde, wir sind große Schritte vorangekommen, im europäischen Geist das Verständnis füreinander zu wecken und den freundschaftlichen Umgang miteinander zu fördern. Davon profitieren alle, Deutsche und Polen, Heimatvertriebene und in der Heimat gebliebene Deutsche. Aus der Rede des polnischen Bürgermeisters Puchalski, die er bei unserem ersten Besuch in Johannisburg 1992 hielt, möchte ich auch heute einen kleinen Teil zitieren, weil mich das so tief beeindruckte, als er sagte; „Euer Kommen, liebe Johannisburger, verstehen wir als Rückkehr zu dem Ort, wo Ihr geboren seid, zu dem Ort Eurer Kindheit, Rückkehr in Eure Heimat. Das Recht zur Rückkehr darf durch Vorurteile oder Ereignisse, die der Vergangenheit angehören mögen, auf keinen Fall behindert werden. Ein Johannisburger bleibt man für immer, denn wer in dieser wunderschönen Region geboren wurde, der bleibt ein Johannisburger ein Leben lang."

Meine Damen und Herrn, ich bin zutiefst davon überzeugt, daß wir auf diesem Wege fortfahren sollen. Nicht die Patenschaft über die Kreisgemeinschaft alleine und auch nicht die Partnerschaft zu den Gebietskörperschaften in Polen alleine machen auf Dauer Sinn. Die Kombination dieser Beziehungen, die gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit und die gemeinsame Arbeit für die Zukunft garantieren den wahren Erfolg unserer Bemühungen. Wir werden von anderen Kreisen und Städten in Schleswig-Holstein wegen unserer erfolgreichen Partner- und Patenschaftsarbeit in dieser Kombination beneidet. Allein deshalb glaube ich, daß wir auf dem richtigen Wege sind.

Liebe Johannisburger, ich möchte die Entstehung der Patenschaft im Jahre 1954 noch einmal in Erinnerung bringen und den Wortlaut der Patenschaftsurkunde verlesen:

„Mit der Übernahme der Patenschaft will der Kreis Schleswig-Flensburg seiner tiefen Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen des Kreises Johannisburg Ausdruck verleihen. Es wird dem Kreis Schleswig-Flensburg Ehre und Aufgabe sein, seinem Patenkreis und dessen Bewohnern, die heute über ganz Deutschland verstreut sind, zum geistigen und ideellen Mittelpunkt, zu einer neuen Heimat, zu werden."

Vor 10 Jahren habe ich meiner Hoffnung Ausdruck gegeben, daß Sie mit Ihrem Paten in den vorangegangenen 40 Jahren zufrieden gewesen waren. Alle handelnden Personen hatten sich in der Zeit bemüht, ihrer Verpflichtung gerecht zu werden. Wir haben uns damals gemeinsam neue Aufgaben gestellt und Geist und Inhalt der Patenschaftsurkunde weiterentwickelt. Und wir haben uns versprochen, unsere Verbindung lebendig zu erhalten, damit wir nach 10 Jahren auch das 50. Jubiläum mit Stolz feiern könnten. Genau das können wir meiner Meinung nach mit Recht tun, und darüber freue ich mich. Und wenn das 60. Jubiläum ansteht, wollen wir das auch wieder tun können. Ich diesem Sinne wünsche ich der Kreisgemeinschaft Johannisburg und den im Kreis Johannisburg lebenden Menschen eine gute Zukunft.

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Quelle:
Johannisburger Heimatbrief 2005

Familienforschung
S c z u k a

Bericht Festansprache

www. S c z u k a . net

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Stand: 16. April 2012