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Klaus-Jürgen Hofer+
Jeden Morgen pirsche ich auf Rotwild, in der Hoffnung, einen brunftenden, starken Hirsch vor die Kamera zu bekommen. Aber alle Mühe ist vergeblich, bei dem nassen Wetter steht das Rotwild im Dickicht. Nur hin und wieder vernehme ich ein kurzes Röhren, morgens und abends das gleiche. Tage später schlägt das Wetter um; über Nacht sind die Wiesen, Lichtungen und Kahlschläge mit Rauhreif bedeckt, ideales Brunftwetter. Im Forsthaus Ingielewicz haben sich neue Jagdgäste eingestellt. Es sind Belgier, die gegen einen entsprechenden Obolus bei der polnischen Jagdbehörde ihre masurische Trophäe schießen dürfen. Ingielewicz betreut die Gäste während der Jagd und achtet darauf, daß nur das freigegebene Abschußwild zum Erliegen kommt. Im Spätherbst des letzten Jahres hatte Ingielewicz eine Jagdgesellschaft aus Frankreich zu betreuen. Man veranstaltete auch eine Treibjagd, bei der nur Schwarzwild geschossen werden durfte. Aus der Büchse eines Franzosen brachen plötzlich kurz hintereinander zwei Schüsse: Der übereifrige Jäger streckte einen Luchs. Angeblich war der Franzose drei Jahrzehnte darauf aus, einen Luchs zu erlegen, wie konnte er bei dieser Gelegenheit den Finger gerade halten... Ingielewicz war zornig, hatten sich die Luchse in seinem Revier doch erst seit einigen Jahren seßhaft gemacht, war der Abschuß ohnehin verboten. Den Franzosen kostete das einige tausend Dollar. Es war kein Monat vergangen, als Ingielewicz von einem Ansitz aus bei Einbruch der Dämmerung eine ganze Luchsfamilie ausmachte, zwei Elterntiere und drei Junge. Alle Bedenken, daß durch den Abschuß die seßhafte Familie zerteilt worden sei, waren hinfällig. Luchse kommen nie so häufig wie andere heimische Wildarten vor, erst in unserem Jahrhundert scheint der Luchs in Masuren häufiger zu sein. Diese Großkatze wurde bei der Jagd äußerst selten aufgespürt. Im 19. Jahrhundert sollen nur zwei Exemplare erlegt worden sein, 1832 und 1862. Selbst in den sehr ausführlichen Angaben im Königlichen Archiv über die Jagdstrecken Johann Sigismunds, Kurfürst von Brandenburg, wird 1612 bis 1619 kein Abschuß eines Luchses erwähnt. In einem 1863 erschienenen Buch heißt es darüber: »Es wurden in diesen Jahren 1998 Hirsch, (der großte 7 Ztr. 75 Pfd., der hogste an Enden von 26 Enden), 2344 Stück Wildt (Thiere) und 593 Wildkälber, 580 Rehe, 1348 Hasenn, 15 Auher (Auerochsen) der hogste 16 Ztr. 10 Pfd., 112 Elendt (Elche), 28 Bährenn (der hogste 7 Ztr. 10 Pfd.), 215 Wolfe, 404 Fuchse, 3908 Sawen (Sauen), 1 Wildkatze, 5 Auerhähne, 2 Krahnen (Kraniche), 1 Gansegyer erlegt. Biber, Fischotter, Luchse kommen im Verzeichnisse nicht vor.« Die Höhe dieser Abschußzahlen war natürlich von der Jagdbarkeit und dem Interesse an der einen oder anderen Wildart abhängig. So wurden im Jahre 1612 nur 21 Sauen, im Jahre 1614 dagegen 1382 Wildschweine erlegt. Verschiedene von den damals in der Wildnis angelegten Jagdhäusern entwickelten sich mehr und mehr zu Ortschaften. Ebenso wurden verfallene Ordensburgen zu wohnlichen Jagdschlössern umgebaut. Die häufige Anwesenheit der Landesherren trug zur Belebung der wirtschaftlichen Lage in diesen Gebieten bei. Besonders das Zunftwesen erfuhr eine Förderung. Ingielewicz zeigt mir einen Hochstand, wo ich mich günstig ansetzen kann. Er steht an einer offenen Moränenlandschaft, einer weiten Lichtung, von Hochwald und Schonungen umgeben, ein sehr urwüchsiges Gelände. Noch halb in der Nacht baue ich auf dem Anstand das schwere Spiegelobjektiv auf, die Kamera bleibt bei der Kälte noch unter dem Daunenanorak, damit der Verschluß später nicht zu langsam läuft. Obwohl es noch völlig dunkel ist, röhren um mich herum bereits die Hirsche. Ich versuche, sie zu orten — sieben Hirsche sind es, deren weit hallendes Geröhre wie ein musikalischer Wettstreit durch die Nacht dringt. Nur langsam bricht der Morgen an. Seitlich neben mir knackt plötzlich das Geäst, und wenig später tritt ein Rothirsch aus dem Dickicht. Aufgeregt läuft er auf der Lichtung umher, röhrt einige Male und verschwindet wieder. Ein Spießer, ein einjähriger Hirsch, zieht äsend heran. Allmählich wird es heller, mit 1/15 Sekunde wage ich das erste Foto... Gänse überfliegen gakend das Gelände, Kraniche ziehen trompetend ihren Sammelplätzen zu. Die Sonne geht auf, und ihr Licht flutet in den Dunst der Landschaft. Der Spießer äst immer noch. Drüben im Wald röhren noch zwei Hirsche, die anderen sind verstummt. Hunderte Mehlschwalben fliegen eilig über die Baumwipfel, und ständig folgen neue; ihr innerer Kompaß führt sie alle in die gleiche Richtung. Einige Tage später erlebe ich auf diesem Hochstand im Morgengrauen ein beeindruckendes Schauspiel. Zwei kapitale Rothirsche, ein Vierzehn- und ein Sechzehnender, kämpfen um die Vorherrschaft als Platzhirsch. Mit gesenktem Kopf, die Stangen nach vorn gerichtet, prasseln sie aufeinander, schieben sich hin und her, mit der Absicht, den Nebenbuhler in die Flucht zu schlagen. Reichlich zehn Minuten dauert der Kampf, dann weicht der Vierzehnender dem Gegner plötzlich aus, stellt sich kurz darauf aber noch einmal dem Rivalen. Ein neuer, erbitterter Kampf entbrennt. Doch der Vierzehnender ist bereits gezeichnet und wird endgültig in die Flucht geschlagen. Als ich mir später den aufgewühlten Kampfplatz ansehe, sind Erde und Pflanzen mit Schweiß, mit Blut befleckt. Der unterlegene Hirsch muß erheblich verwundet worden sein. Ingielewicz fährt am Abend mit dem Jagdinspektor ins Revier, der ein Wildschwein anschweißt. Dem verletzten Tier gelingt es noch, ins Unterholz zu flüchten. Angeschossene Wildschweine können recht gefährlich werden, da hilft nur mit dem Hund nachsuchen. Wir fahren mit dem Geländewagen in die Nähe der vermeintlichen Stelle. Es nieselt, die Nacht ist schwarz und die Schweißspur längst verwischt. Agata und Koko, zwei Jagdterrier, wissen, worauf es ankommt. Aufgeregt jagen sie durch das Unterholz. Kaum zehn Minuten später schlägt Koko an. Das gesuchte Wildschwein ist bereits verendet, ein vierjähriger Keiler. Im Todeskampf hat er sich weit in den Fichtenbestand geschleppt. Ingielewicz bricht ihn im Schein der Taschenlampen an Ort und Stelle auf, damit das Tier nicht verhitzt, durch die aufgenommene Nahrung in den Innereien nicht verdirbt. Wir haben Not, das Wildschwein auf dem Waldboden zum Auto zu ziehen, doch der Versuch, den Fleischberg auf das Auto zu heben, bleibt erfolglos. Ingielewicz zieht einen starken Lederriemen durch den Rüssel des Schweines, befestigt ihn an der Hängerkupplung und nimmt das Borstenvieh in Schlepp. Über Wiesen und Waldwege geht es zum Forsthaus. Die kalten Tage haben die Laubfärbung zum Höhepunkt gebracht — ein Bilderbuchherbst, selten für Masuren. Noch einmal sind die Pilzsucher unterwegs, sammeln Pilze körbeweise. Auch im Hause Ingielewicz trocknet man sie oder kocht sie sauer ein. Ostlich des Puszczas Piska [Johannisburger Heide], des Urwüchsigen Waldes, äsen Dutzende Kraniche auf den Feldern. Sie sammeln sich zum Zug in ihre Überwinterungsgebiete, täglich werden es mehr. Deutlich erkenne ich mit dem Fernglas die Jungvögel unter ihnen, sie sind noch unausgefärbt und gut an den braunen Köpfen zu erkennen. Diese Kraniche stammen nicht allein aus Masuren, viele kommen aus den Regionen Skandinaviens. Ihr Schlaf- und Sammelplatz liegt einige Kilometer entfernt, auf einem von Wald umgebenen, verlandeten See. Das riesige Schwingmoor ist umsäumt von Weiden und Birken, ideal für eine Tarnung, den Einfall der Kraniche am Abend zu erleben, beim anbrechenden Tag ihr morgendliches Trompeten. Etwa zweitausend Kraniche fallen nach und nach mit ausgefahrenen Ständern im Moor ein, lange nach Sonnenuntergang — ein Schauspiel, das ich nur in der Erinnerung behalten kann, zum Fotografieren reicht das Licht längst nicht mehr. Und bevor die Sonne wieder über dem dunklen Hochwald auftaucht, sind die Legendenvögel in kleinen und größeren Trupps zum Asen auf die Felder gezogen, ist das morgendliche Trompeten verstummt. Ich fahre in die Biebrza-Niederung [Polen, seit 1993 Nationalpark], die südöstliche Begrenzung Masurens. Diese große Flußniederung, dieses riesige Überschwemmungsgebiet, ist eine der wenigen europäischen Landschaften, die von menschlicher Umgestaltung weitgehend verschont blieben.
Nach der Niederlage des Ritterordens 1410 in der Schlacht bei Grunwald (2) [Tannenberg] verlor der Orden zwar seine Macht, war aber weiterhin noch kriegerisch tätig (2). Der polnisch-litauische Staat gewann im östlichen Europa an Bedeutung. 1525 wurde der Kreuzritterorden aufgelöst, der Ordensstaat wurde ein weltliches Herzogtum unter polnischer Oberhoheit. (Das Herzogtum Preußen umfaßte zu dieser Zeit nicht nur Masuren, es reichte im Norden bis zur Küste und im Südwesten mit einem Streifen bis zur Wisla). 1657 fiel das Herzogtum Preußen von Polen ab. Friedrich III., Herzog von Preußen, gleichzeitig Fürst von Brandenburg, krönte sich 1701 selbst zum König als Friedrich I. Obwohl der Deutsche Ritterorden zwischen 1230 und 1410 bereits eine starke Germanisierung in Masuren betrieben hatte, war die Bevölkerung, besonders auf dem Lande, überwiegend polnischer Abstammung, sprach man die polnische Mundart Masurisch; nur in größeren Städten gab es mehr Deutsche. In der Gegend von Sensburg (Mragowo) machten die Polen [Masuren / Masovier] um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert über 85 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die preußischen Behörden mit Aktionen zur Ausrottung des Polentums in Masuren. Einen direkten Anstoß zu dieser neuen Germanisierung gab 1830 der polnische Novemberaufstand. Nach seiner Niederschlagung ging man an die Abschaffung der polnischen Sprache und verbannte sie als erstes aus dem Schulwesen. Das führte schließlich dazu, daß ein Teil der Bevölkerung seine polnische Volkszugehörigkeit aufgeben oder auswandern mußte. Betrug 1825 die Bevölkerung polnischer Abstammung im Kreise Sensburg (Mragowo) 85,6 Prozent, so waren es 1861 nur noch 71 Prozent. Im Kreise Lötzen (Gizycko) gab es 1890 nur noch 51 Prozent Polen, zwanzig Jahre später waren es nach offiziellen Angaben 35 Prozent. Die Volksabstimmung im Juli 1920 brachte eine große Niederlage für die polnische Bevölkerung (2), ein Ergebnis der chauvinistischen Propaganda sowie des Terrors, dem die Polen seit langem ausgesetzt waren (2). Viele Polen verließen Masuren. 1925 gab es im Kreise Lötzen (Gizycko) nur noch fünf Prozent. Die Vorherrschaft der masurischen Sprache nahm gleichfalls mehr und mehr ab. Während Mitte des 19. Jahrhunderts auch in den Städten Masurisch als Umgangssprache noch gang und gäbe war, selbst bei deutschstämmigen Familien, gab es in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts nur noch kleine Sprachinseln auf dem Lande, vor allem in verkehrsentlegenen Gegenden. Obwohl nach dem ersten Weltkrieg Polen Zugang zum Meer bekam und Masuren [Ostpreußen einschl. Mauren!] vom übrigen Preußen durch den sogenannten Polnischen Korridor abgetrennt war, hielt die Germanisierung weiter an und erreichte ihren Höhepunkt unter der faschistischen Herrschaft. In den Schulen wurde nur noch Deutsch gelehrt, die masurische Sprache starb aus. Das Ende des zweiten Weltkrieges brachte eine Wende in der Geschichte Polens und damit auch Masurens. Auf der Internationalen Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 wurde die Grenze von Polen zu Deutschland von den Großmächten UdSSR, USA und Großbritannien neu abgesteckt und auf die Oder-Neiße-Linie festgelegt (2), die am 6.7.1950 im Vertrag von Zgorzelec [Görlitz] zwischen Polen und der DDR zur Friedensgrenze erklärt wurde.
Im Sommer suchte ich das Gebiet zum ersten Mal auf, mit dem Wunsch, Elche vor die Kamera zu bekommen. Aber Revierförster Majewski machte mir keine Hoffnung. »Sie halten es jetzt keinen Tag in diesem Sumpf aus, es ist die Hölle, komarys, komarys...« Mücken über Mücken! Es schienen Milliarden zu sein. Am vierten Tag gab ich tatsächlich auf, ich kapitulierte trotz Mückenspray, Wässerchen und Creme. Selbst den Elchen behagten wohl die Mücken und die drückende Schwüle nicht, sie standen den ganzen Tag im Dickicht. Der einzige, den ich zu Gesicht bekam, zeigte sich spät am Abend. Zur gleichen Zeit heulten draußen in der Czerwone Bagno junge Wölfe. Auch sie gehören hier in einigen Exemplaren noch zum Standwild. »Sie müssen im Herbst wiederkommen, es ist jetzt zu warm«, meinte Majewski und deutete auf eine Elchtrophäe, einen präparierten Kopf mit wuchtigen Schaufeln. Mitte Oktober pirsche ich in aller Frühe wieder durch die Sümpfe der Czerwone Bagno. Über der Wildnis liegt Rauhreif, und aus großer Entfernung erkenne ich die ersten Elche, geruhsam ziehen sie durch hohe Vegetation. Dabei überlaufen sie regelrecht niedere Erlen, Weiden und Birken, äsen von den Kronen die zarten Triebe und gehen, die kleinen Bäume unter sich wegdrückend, weiter. Vielfach knicken die Kronen dabei um; es sind die Markenzeichen in Elchrevieren. Während strenger Winter dringen Elche gern in Kulturwälder und machen sich, da sie auch zarte Aste von Nadelbäumen äsen, unbeliebt. Doch der Elch, der nur selektiv bejagt wird, ist ein lebendiges Denkmal, ein Ureinwohner Masurens, er hat seinen eigenen Status. Er ist die letzte Großwildart Europas, die sich ohne größeren Einfluß des Menschen selbst erhalten hat. 1863 heißt es über masurisches Wild der vergangenen Jahrhunderte: »Schier unerschöpflich erschien der Reichtum an Wild aller Art, vom Auer bis zum Biber, selbst das Wildpferd hauste hier noch...« Anfang des 19. Jahrhunderts war der Elch durch Wilddieberei in Masuren fast ausgerottet, es soll weniger als zwanzig Exemplare gegeben haben. Aber Elche sind sehr wanderfreudig. Es wird nicht allein die strenge Schonung dieser Wildart gewesen sein, die um 1860 zu einem Anstieg des Bestandes auf zweihundertfünfzig Tiere führte. Vermutlich werden einige Elche aus nördlichen und östlichen Gebieten zugewandert sein, so daß sich der für sie ideale Biotop schneller auffüllen konnte. Der heutige Bestand wird allein in der Czerwone Bagno auf einhundertfünfzig geschätzt. Aus dem Dickicht bricht ein Schaufler, ein alter Elchbulle, und gerade, als ich ihn scharf im Okular sehe, verschwindet er wieder im Unterholz. Es war der erste und der letzte Schaufler; außer zwei jungen Bullen, denen ich über weite Strecken nachpirsche, sehe ich nur noch Elchkühe. Ihnen begegne ich jeden Morgen, sie scheinen mir nachzulaufen. Javor spricht mit den Fischern, ich kann mit auf Fang fahren. Bei Iznota [Isnoten, Kreis Sensburg], einer Kleinsiedlung am Unterlauf der Krutynia [Krutinna], hat die Brigade Mikolajkis [Nikolaiken] einen Stützpunkt, dort verabreden wir uns. Es ist ein neblig trüber Novembermorgen. Die Stille am erlengesäumten Ufer der Krutynia [Krutinna] macht die Landschaft geheimnisvoll. Ich finde eine angenagte Erle, ein Biber wollte sich hier Wintervorrat schaffen. Der Stamm blieb im Geäst der Nachbarbäume hängen, sonst wäre er längst umgebrochen. Der Biber wird sich einen anderen Baum fällen. Mit fünf Fischern fahre ich auf der Krutynia [Krutinna] bis zum Gardynskie-See, zwei Boote im Schlepp. Hier sind zwei weitere Boote mit Motorwinden und einem mehrere hundert Meter langen Netz stationiert. Die Fangaktion beginnt. Zwei Fischer bedienen jeweils ein Motorwindenboot und werfen auf beiden Seiten das Netz aus, das an den Enden lange Drahtseile hat. Es entsteht ein großer Halbkreis. Nun werden die Windenboote am Schilfufer verankert. Langsam tuckern die Diesel. Das Seil läuft auf die Trommel zurück und zieht das Netz ein. Haben sich bereits kleinere Fische im Garn verfangen, werden die Winden ausgekuppelt und die Tiere aus dem Netz gelöst. Beide Netzseiten münden in einen trichterförmigen Sack, der den Fang aufnimmt. Spannung liegt auf den Gesichtern der Fischer. Etwa fünfzig Kilogramm Fisch werden geborgen: Schleien, Karpfen, Brassen, Hechte — ein normaler Fang. Zum zweiten Mal wird das Netz ausgeworfen, die Ausbeute ist etwa gleich groß. Mit einigen Fischen im Rucksack verabschiede ich mich am Stützpunkt bei Iznota [Isnoten, Kreis Sensburg]. Auf jeden Fall soll ich ihnen ein paar Fotos senden oder zu Javor bringen, er leitet sie schon weiter... Am Abend setze ich mich an den Hang des Waldsees von Lisunie [Lissuhnen, Kreis Sensburg] und beobachte die alte Dachsburg. Selten gelang es mir hier, Grimbart mit der Kamera zu überlisten. Einmal stand der Wind ungünstig; ein andermal war es schon zu dunkel, die Schärfe nachzustellen, als er sich entschloß, aus einer seiner vier Einfahrten herauszukommen, an der ich ihn gerade nicht erwartet hatte. Dann war es ein Eichelhäher, der den ganzen Wald vor mir warnte und damit auch den Dachs. Im Waldsee vor mir spiegelt sich der dunkelgraue Abendhimmel. Noch einmal fixiere ich die Schärfe meiner Kamera auf eine ganz bestimmte Röhre, das Blitzlichtgerät surrt. Sollte sich Grimbart hier zeigen, löse ich ohne Sichtkontrolle aus. Doch Grimbart wählt wieder einmal die Ausfahrt nebenan und putzt sich davor. Schließlich läuft er auf dem ausgetretenen Dachswechsel in meine Richtung. Trotz der Dunkelheit hat er etwas bemerkt. Ich stehe leicht erhöht an einem Baum, wie erstarrt, und wage kaum zu atmen. Der Dachs verharrt, läuft ein Stück zurück und nähert sich erneut, ganz langsam, in leichtem Bogen. Schnüffelnd versucht er Witterung aufzunehmen, doch diesmal steht der Wind ungünstig für ihn. Nur zwei Meter trennen uns, für ein Foto viel zu nah. Ehe ich die Kamera auf ihn eingerichtet hätte, wäre er verschwunden. Also warte ich, wie die Sache ausgeht. Der Dachs verharrt wieder und schnüffelt. Gleich wird er mich entdecken — nein, er schnüffelt weiter, laut und hastig, ich kann kaum das Lachen unterdrücken. Er kommt noch näher, auf zwanzig Zentimeter! Längst zweifle ich, ob das normal ist, er müßte schon mein Herz klopfen hören! Jetzt hat er es heraus. Nach einer hastigen Wendung ist er mit ein paar Sätzen auf Distanz, verhofft noch einmal prüfend und verschwindet auf schnellen Beinen in der Dunkelheit. Es ist kalt geworden, der Wind hat aufgefrischt und rüttelt derb an der Haustür. Ingielewicz erzählt Jagdgeschichten vom letzten Winter, gemeinsam sehen wir uns Dias an. Am nächsten Morgen zeigt der Wald hinter dem Forsthaus ein neues Bild: Nachts sind 30 Zentimeter Schnee gefallen. Der goldene Herbst ist endgültig vorüber. ________________________ 1. Von der Redaktion wurden in [eckigen Klammern] die alten deutschen und/oder masurischen Namen hinzugefügt. 2. Hier wird von Autor
das DDR-Geschichtsbild nach polnischer Lesart dargestellt. Diese Darstellung
widerspricht den heute gültigen Fakten.
Beispiele: Die Vertreibung der Deutschen hieß im DDR-Sprachgebrauch
"Umsiedlung". - Die bis 1945 gültigen Orts- und Flurnamen der alten deutschen
Ostgebiete wurden in der DDR nicht verwendet, sondern nur die ab 1946
eingeführte polnische Namensgebung. Die polnischen Namen sind nicht immer
identisch mit den alten masurischen Namen.
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