
Mein
Interesse an der ostpreußischen Heimat liegt in unserer Familiengeschichte. Das,
was einem genommen wurde, behält man stärker im Herzen, als Dinge, von denen man
sich einfach trennt. Ich meine hier nicht das krampfhafte Festhalten an der
Vergangenheit, sondern die liebevolle Erinnerung daran. Die Vergangenheit ist
Vorbereiter deines zukünftigen Lebens. Die Vergangenheit stellt die Weichen. Für
viele Familien, so auch für meine Großeltern Adolf und Anna Skorzik und ihre 10
Kinder, wurden die Weichen massiv herumgerissen. Die Richtung, für einige gen
Osten, für die Großeltern immer nach Westen. Der Ankunftsort nicht vorgegeben,
alles wird zufällig, nur das Überleben wird wichtig.
Familie Skorzik kommt in den Kreis Pinneberg. Waltraut Skorzik, zurück aus dem
Osten, der Verschleppung, lernt den geschiedenen Land- und Gastwirt Hans-Werner
Wöbcke kennen. Sie heiraten 1951. Waltraut Wöbcke, geb. Skorzik zieht auf den
Hof ihres Ehemannes. Mit ihr kommen auch ihre Eltern, Adolf und Anna, und einige
ihrer Geschwister. In diesen Kreis der Familie wurde auch Karl-Heinz Wöbcke
aufgenommen, Sohn aus erster Ehe von Hans-Werner Wöbcke. Das Familienleben
festigt sich, das Vertrauen wächst, und die anfallende Arbeit wird geteilt.
Während sich Hans-Werner Wöbcke der Gastronomie widmete, übernahm Adolf Skorzik
die landwirtschaftlichen Arbeiten. Aber die Hände packten da an, wo sie
gebraucht wurden. Das Familienglück vervollständigte sich. Die Kinder Ulf und
Annegret Wöbcke wurden geboren. Es scheint, daß die kommenden Weichen für einen
harmonischen Lebensabschnitt, für ein Verwurzeln in Offenau, gestellt sind. Aber
es sollte anders kommen. Das Schicksal schlägt noch einmal zu, und wieder
schmerzlich. Am 6.9.1954 verliert Waltraut Wöbcke ihren Ehemann Hans-Werner
Wöbcke durch einen tödlichen Motorradunfall. Von einem Tag auf den anderen ist
alles wieder in Frage gestellt. Was wird nun? Nach dem Ältestenrecht geht der
Hof in Offenau an den erstgeborenen Sohn, an Karl-Heinz Wöbcke. Die Familie
Skorzik steht wieder vor dem Nichts. Sie verläßt den Hof und Offenau. Adolf
Skorzik kauft 1957 eine Doppelhaushälfte in Barmstedt. Hier ist die Familie nun
angekommen. Hier verbringen Adolf und Anna Skorzik ihren Lebensabend. Hier ist
der Ort, wo Ulf und Annegret Wöbcke ihre Kindheit verbringen. Von hier geht
Waltraut Wöbcke 1979 zu ihrem zweiten Ehemann, Hans-Heinrich Carsten Timmann,
und überlässt das Haus ihrem Sohn Ulf Wöbcke.
Durch
den Verlust meines Vaters bin ich nicht in der Familie Wöbcke, sondern in der
Familie Skorzik aufgewachsen. Die Familie Skorzik ist mir vertrauter als die
Familie, deren Name ich trage. Meine eigenen Wurzeln liegen in Holstein und in
Ostpreußen, und beides war mir fremd. Durch die intensive Arbeit meiner Mutter
für die Familiegeschichte Skorzik und
die Chronik ihres Heimatdorfes Gutten J.
wurde ich ermuntert, mich einzubringen. Die Sippentafel der Familie Skorzik
hatte viele Daten, was mir aber fehlte, waren die Gesichter zu den Daten. Ich
suchte in der ganzen Familie die vorhandenen Bilder. Nun brachte ich Daten und
Bilder für eine Familienchronik Wöbcke und eine Familienchronik Skorzik
zusammen. Dies ist Chronikarbeit, etwas, was Platz findet, wenn man aus dem
Berufsleben ausgeschieden ist. Solange konnte ich nicht warten. Diese Arbeit
musste ich zu Lebzeiten meiner Mutter fertigen. Ich brauchte ihr Wissen. Sie
konnte mir sagen, wer die Personen auf den alten Fotos waren, sie konnte mir die
Lebensumstände erklären, sie konnte für mich Korrektur lesen. Mit ihr ist mein
Wissen um die Familie Skorzik gewachsen. Auch bei unseren vielen Reisen nach
Johannisburg konnte ich diese Heimat erleben, ich konnte Heimat fühlen. Sie hat
mir den Ort ihrer Kindheit gezeigt, das Grab meines Urgroßvaters. Spurensuche in
der Vergangenheit war für meine Mutter immer mit viel Freude verbunden, einer
Freude, die ansteckend war. Diese Freude ist nun auch ein Teil von mir geworden,
und die Chronik zeigt diese Lebendigkeit.
Das
Ostpreußentreffen 2002 in Leipzig war für mich ein besonderer Anlass. Ich wollte
meiner Mutter mit dem gemeinsamen Besuch dieser Veranstaltung eine Freude
machen. Es war unsere letzte gemeinsame Reise.
Auf
dem Treffen in Leipzig 2002 hatte mich Herr Gerhard Wippich (†) angesprochen, ob
ich bereit wäre, die Bearbeitung des Johannisburger Stadtplanes zu übernehmen.
Ich habe diese Bearbeitung nicht ausgeschlossen. Neben dem beruflichen Alltag
hat die Erstellung der Chroniken Wöbcke und Skorzik viel Kraft gekostet. Meine
gesamte Freizeit habe ich für diese Chroniken eingebracht. Nach dieser
Anspannung wäre Entspannung angesagt gewesen. Aber es kam anders. Am Ende des
Jahres 2003 hat mich Herr Herbert Soyka gebeten, die Arbeit am Stadtplan
aufzunehmen. Ich habe die Aufgabe angenommen. Es war für mich eine interessante
Aufgabe, in der ich mein berufliches Wissen einbringen konnte. Nun wünschte ich
mir die Zeit und die Ideen, eine Bearbeitung der Straßen und Einwohner der Stadt
Johannisburg zu gestalten, an der wir uns alle erfreuen können.